20 October 2016


German (SOURCE)
English Translation by Tokio Hotel Alien
French Translation by Street Team France
Spanish Translation by Tokio Hotel Worldwide FC

GERMAN

Q: Vor zehn Jahren gab es keinen Tag, an dem man nichts von Ihnen hörte. In letzter Zeit ist es eher still geworden. Wie geht es Ihnen eigentlich?
Bill Kaulitz: Uns geht’s gut. Wir sind ohne Ende im Studio, sind sehr beschäftigt momentan. Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht von früh bis spät am Album und an neuen Songs arbeiten. Wir haben uns da selbst so ein bisschen Zeitdruck aufgebaut. Wenn man das nicht macht, kann man sich wahrscheinlich jahrelang im Studio verkriechen. Das kennt wohl jede Band und jeder Musiker.

Q: Kommt das Album dieses Jahr?
Bill: Also 2016 wird nix mehr. (lacht) Aber es gibt neue Musik.

Q: Und eine neue Tour?
Bill: Die beginnt im März. Wir starten in London und bringen ganz viel neues Material mit. In Europa haben wir die ersten 30 Gigs, dann geht es weiter nach Südamerika. In London anzufangen, war bei den letzten Touren ein Glücksbringer, deshalb behalten wir das bei.

Q: In Leipzig spielen Sie im Haus Auensee. Haben Sie sich bewusst auch für kleinere Hallen entschieden?
Bill: Wir haben schon auf der letzten Tour viele Club-Gigs gespielt. Wir mischen das. Unsere Musik hat sich ja sehr verändert, sie ist sehr viel elektronischer als sie früher war. Deshalb hat es sich für uns bewährt, auch kleine Clubs in richtige Nachtclubs und Partys zu verwandeln und dort zu feiern. Wir haben aber auch Open Airs gespielt, wenn das Wetter mitspielte.
Tom: Wir haben in Hamburg auch mal in einer Kirche gespielt oder hatten Konzerte in alten Theatern. Wir suchen immer nach Locations, bei denen es einfach einen geilen Clash gibt zwischen elektronischem Nachtclub und historischem Gebäude. Wir wollen alles etwas frisch halten und speziell machen.

Q: Ihr Hit „Durch den Monsun“ hatte euch 2005 über Nacht weltberühmt gemacht. Spielen Sie ihn noch?
Bill: Auf jeden Fall! Eigentlich nur auf Englisch, aber in Deutschland überstimmen uns manchmal die Fans, wenn sie es auf Deutsch singen. Mir geht es selbst ja genauso, wenn ich auf Konzerte gehe: Man will ja die Songs hören, mit denen die Leute berühmt geworden sind. „Monsun“ ist ein Teil der Show, der uns immer noch rührt nach all den Jahren. Das Lied hat unser Leben so krass verändert, dass es einfach ein Teil von uns ist.

Q: Bill, Sie haben zuletzt solo viel ausprobiert: eigene Musik, Schwarz-Weiß-Film, Fotobuch, Sie wollten sogar in die Mode. Konzentriert Ihr euch in Zukunft weniger auf die Musik und mehr auf andere Projekte?
Bill: Wir machen immer nur das, worauf wir Bock haben. Wir leben uns da in allen Bereichen aus. Für mich ist das Mode und Fotografie. Ich mach auch mein Solo-Zeug super gerne und lasse das immer so nebenher laufen. Nächsten Monat bringe ich auch endlich meine eigenen Mode-Stücke auf den Markt. Es wird auch bald einen Kinofilm geben über die Band.

Q: Es gibt auf jeden Fall viele Projekte, in denen wir uns verwirklichen und an denen wir nebenher arbeiten. Wir sind als Band an einem Punkt, von wo aus wir nur die Sachen machen, auf die wir auch wirklich zu 1.000 Prozent Lust haben. Alles andere wird immer weniger witzig. Äh, wichtig. (lacht).
Tom: Weniger witzig auch (lacht)!

Q: Ihr habt euch äußerlich stark verändert. Bill, Sie hatten schon fast alles: lange Haare, kurze Haare, schwarze Haare, blonde Haare, pinke Haare. Tom, Sie hatten erst Dreads, dann Rastas, jetzt Dutt und Vollbart. Wie wichtig ist Mode und Stil?
Bill: Also Georg ist das extrem wichtig, bei Tom und mir spielt das eher die zweite Geige (lacht). Nein, Quatsch, also für uns gehört das dazu. Mode ist meine große Leidenschaft neben der Musik. Das ist für mich eine Ausdrucksform, eine Form von Freiheit. Mode, Kostüme, Frisur, das geht nicht ohne einander. Ich habe mich nie als jemand gesehen, der nur am Lagerfeuer mit einer Gitarre Musik macht. So habe ich auch die Band nie gesehen. Unser Anspruch ist, eine richtige Show zu liefern. Ein Erlebnis zu schaffen, das man nie vergisst. Und das geht immer über die Musik hinaus.

Q: Sie stammen aus Magdeburg, lebt seit Jahren in Los Angeles. Wie verbunden sind Sie mit Ihrer Heimat?
Bill: Tom und ich kommen immer zu Weihnachten nach Deutschland, um die Familie und Freunde zu besuchen. Seit wir nicht mehr in Deutschland leben, genießen wir das ganz anders. Wir kommen jetzt viel lieber wieder zurück und sind auch ganz anders von Deutschland inspiriert. Anfang des Jahres waren wir in Berlin-Kreuzberg im Studio und haben den Grundstein für das neue Album gelegt. Da waren wir zum ersten Mal wieder von einer deutschen Stadt so richtig inspiriert. Bisher wollten wir immer eher in andere Länder und andere Städte, um Songs zu machen. Wir leben aber auch gern überall. Wir lieben das Reisen und wollen auch unbedingt noch nach Indien und Thailand. Für uns ist es total wichtig, immer unterwegs zu sein.

Q: Verfolgen Sie von Los Angeles aus die politische Entwicklung im Land? Den Aufstieg der AfD und der Rechtspopulisten?
Bill: Ja, absolut! Das sind Sachen, die uns hier erreichen und bewegen. Da wird man auch wütend und traurig und ist fassungslos. Vor allem mit Blick auf das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, wo wir ja herkommen und aufgewachsen sind. Das, was die AfD in Deutschland an Hass schürt, aus der Angst der Menschen heraus, das passiert gerade überall auf der Welt. In Amerika ist das ganz genauso, mit Donald Trump. Das bewegt uns.

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